Alter Filmprojektor

Filmschmankerl #3 – Bodyhorror

Von Hannah Wahl und Bernhard Landkammer

Horrorfilme wirken auf jede Person anders und können je nach Ausrichtung Vieles sein: Furchterregend, verstörend, erheiternd, aber auch verzaubernd. Es gibt allerdings vermutlich kein Genre, das so stark physisch wirkt wie der Bodyhorror. Unter diesem Begriff kann viel gebündelt werden, seien es kafkaeske Verwandlungen und Transformationen, Mutationen, die Manipulation von Körperteilen oder pure Gewaltexzesse. In dieser Ausgabe von “Schon gesehen“ wollen wir euch einige filmische Highlights des Ekel(n)s vorstellen. Dabei versuchen wir, die verschiedenen Varianten dieses facettenreichen Genres zu beleuchten. Am besten führt ihr euch die folgenden Filme in einer ruhige Minuten, bei psychischer Stabilität und mit einem gesunden Magen zu Gemüte. Sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt.

Invasion Of The Body Snatchers (USA, 1978)

Obwohl der deutsche Titel – Die Körperfresser kommen – einen trashigen Tele5-Film vermuten lässt, handelt es sich um einen sehenswerten Sci-Fi-Horror, der mit einer menschlichen Urangst spielt: Die Invasion von etwas “Fremden”. Schlimmer noch: die feindliche Übernahme oder der Austausch eines geliebten Menschen. Beides sind Vorstellungen, die man schon in mittelalterlichen Wechselbalg-Sagen auffindet. Neben der kunstvollen Kameraführung ist es auch der soliden Besetzung der Charaktere – Donald Sutherland, Brooke Adams, Leonard Nimoy (die meisten kennen ihn als Mr. Spock) und Veronica Cartwright – zu verdanken, dass die Adaption des Klassikers aus 1956 ein echtes Filmschmankerl geworden ist. Die dritte filmische Umsetzung des auf dem Roman “Die Dämonischen” von Jack Finney basierenden Stoffes 1993 kann nicht annähernd mit Philipp Kaufmans genialem Streifen mithalten.

Tetsuo: The Iron Man (Japan, 1989)

Japanisches Kino kann für westlich geprägte Sehgewohnheiten häufig irritierend wirken. Was Shin’ya Tsukamoto mit “Tetsuo: The Iron Man” abliefert, sprengt allerdings auch nach dortigen Maßstäben jeden Rahmen: Als ein Büroangestellter einen Metallfetischisten überfährt, infiziert er sich mit einer unbekannten Krankheit und mutiert zu einem Mensch-Metall-Hybriden. Dieser surrealistische Plot wird durch seine Umsetzung ununterbrochen potenziert. Konsequent in schwarz-weiß gehalten werden Stop-Motion-Sequenzen mit Metallphalli, Medienkritik, patriarchalen Überspitzungen, schockierenden Sequenzen und einer Auflösung herkömmlicher Storytelling-Muster vermengt. Das Ergebnis ist schwindelerregend, lynchesk und ein wegweisendes Meisterwerk.

 

The Fly (USA/UK/Kanada, 1986)

Regisseur David Cronenberg gilt als der Schöpfer des Bodyhorrors und fesselt mit einer Neuinszenierung des bereits 1958 über die Leinwand flimmernden Stoffes über die sukzessive Verwandlung eines Menschen zu einer Fliege nach einem gescheiterten Teleportationsversuch. Auch heute noch funktioniert Cronenbergs ekelhafter Verwandlungs-Horror, von der ohne Umschweife erzählten Geschichte, die den/die Zuseher*in bis zum Schluss fesselt, über die schauspielerische Top-Besetzung mit Jeff Goldblum in der Hauptrolle bis zum mitreißenden Showdown. Auch wenn der Sci-Fi-Streifen schon einige Jahre auf dem Buckel hat und die Effekte heute veraltet sind, steht er aktuellen Blockbustern in nichts nach – vielmehr würde man sich eine solche Meisterleistung auch heute wünschen.

Martyrs (Frankreich/Kanada, 2008)

Um die Jahrtausendwende dominierten im Horrorkino die New French Wave of Horror sowie das Genre des Torture Porn. Während Filme wie “Hostel” oder die “Saw”-Reihe so etwas wie Unterhaltungswert in ihre drastischen Darstellungen integrierten, präsentiert Pascal Laugiers mit “Martyrs” einen abartigen, tiefschwarzen, verstörenden und in jeder Hinsicht grenzwertigen Film. Was als brutale Rache für jahrelange Folter beginnt, wandelt sich über psychotische Ängste hin zu einem kaum durchzustehenden Folterexzess. Handlungsdetails verbieten sich, möchte man das volle Ausmaß des Schlags in die Magengrube erfahren, den “Martyrs” darstellt. Die oft ekelerregende Gewalt ist hier allerdings kein Selbstzweck, sondern dient als Metapher für eine bittere Religions- und Medienkritik. Ein abartiges Meisterwerk.

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