Erich Girlek sitzt an einem Tisch. Er lächelt. Er trägt ein hellblaues Hemd und einen Kurzhaarschnitt.

„Nichts über uns ohne uns“ – Erich Girlek im Portrait

In seiner Freizeit geht Erick Girlek gern ins Kino. Doch viel Zeit hat er dafür nicht, erzählt er mir bei unserem Treffen. Sein Engagement für die Rechte von Menschen mit Lernschwierigkeiten ist ein ehrenamtlicher Vollzeitjob.

Seit 2009 ist Erich Girlek Leiter des Selbstvertretungsbüros der Lebenshilfe Salzburg. Der 44-jährige besuchte in seiner Kindheit eine Sonderschule, was er nicht besonders positiv in Erinnerung hat. Daher spricht er sich für inklusive Schulen aus, in denen Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten gemeinsam unterrichtet werden. Das könne gesellschaftliche Vorurteile abbauen und langfristig ein neues inklusives Bewusstsein schaffen.

Selbstbestimmt statt fremdbestimmt

Das Konzept der Selbstvertretung hat seine Wurzeln in der Behindertenbewegung der 1970er Jahre. Dieses ermöglicht die Unterstützung von Menschen mit Behinderungen durch ExpertInnen mit Behinderungen. Außerdem wird damit garantiert, dass Menschen mit Behinderungen selbst für sich sprechen. Erich Girlek erklärt mir: „Es geht um den Grundsatz ,Nichts über uns ohne uns’. Oft wird über die Menschen mit Lernschwierigkeiten einfach bestimmt. Man redet nicht mit ihnen und fragt sie nicht nach ihrer Meinung, weil man ihnen nichts zutraut. Wir stärken Menschen mit Lernschwierigkeiten, damit sie ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen können und über ihre Rechte Bescheid wissen.“ Es sind ganz alltägliche Probleme, bei denen Selbstvertreter Erich Girlek hilft. Solche wichtigen Themen sind zum Beispiel „Raus aus der Institution“ und selbstbestimmtes Wohnen oder das selbstständigen Nutzen der öffentlichen Verkehrsmittel um unabhängiger zu sein. Erich Girlek selbst wohnt in einer Garconnière und wird im Haushalt unterstützt.

Experte für Menschen mit Lernschwierigkeiten

Mit Auszeichnung hat Erich Girlek die einjährige Ausbildung zum Peer-Berater in Innsbruck abgeschlossen. Peer-BeraterInnen sind Menschen mit Behinderung, die andere Menschen mit Behinderungen über ihre Rechte informieren und sie auf ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung unterstützen. Die spezielle Beratungsmethode ermöglicht es, gemeinsam Lösungswege zu entwickeln, die selbstbestimmt umgesetzt werden können. Auch im Salzburger Verein knack:punkt, der sich für Inklusion und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen einsetzt, fungiert Erich Girlek als Experte für Menschen mit Lernschwierigkeiten und ist dort als beratendes Vorstandsmitglied tätig.

Teil der Österreichischen Selbstvertretungsbewegung

Neben seinem Engagement als Selbstvertreter bei der Lebenshilfe ist Erich Girlek auch der unabhängige Arbeitskreis Selbstvertretung ein Anliegen. Seit 2015 treffen sich ca. 20 SalzburgerInnen mit Lernschwierigkeiten und sprechen über Barrieren im Alltag. Ein zentrales Problem sieht Erich Girlek in der schweren Sprache, die es für Menschen mit Lernschwierigkeiten, aber auch für Menschen mit nichtdeutscher Muttersprache und ältere Menschen, oft unmöglich macht komplexen Inhalten zu folgen. Im Alltag führt dies zu Exklusion. Erich Girlek beschreibt dies so: „Wenn man als Mensch mit Lernschwierigkeiten nicht versteht um was es geht, zum Beispiel beim Fernsehen, oder in Vorträgen, ist man ausgeschlossen. Einige Menschen mit Lernschwierigkeiten können auch nicht gut lesen, für die sind Bilder und Piktogramme sehr wichtig.“
Ein seit vielen Jahren zentrales Problem sieht Erich Girlek darin, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten in Einrichtungen der sogenannten Behindertenhilfe arbeiten und dafür lediglich ein Taschengeld und keine Entlohnung mit den entsprechenden Sozialversicherungsleistungen erhalten. Folglich haben Menschen mit Lernschwierigkeiten oft nur wenig Geld zur Verfügung und damit auch weniger Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Rechtliche Meilensteine wie die UN-Behindertenrechtskonvention (2008) und das Behindertengleichstellungsgesetz (2016) sollen die gleichberechtigte gesellschaftliche, kulturelle, politische und rechtliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung garantieren. Obwohl sich Österreich zu diesen Gesetzesumsetzungen verpflichtet hat, ist ein Fortschritt nur schleppend zu verzeichnen. Diese Umsetzung ist Erich Girlek daher ein besonderes Anliegen. Seit diesem Jahr ist er als Ersatzmitglied im Unabhängigen Monitoring-Ausschuss zur Überwachung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Zurecht stolz ist Erich Girlek auf den „Dr. Elisabeth Wundsam-Hartig Preis“, den er 2016 für sein behindertenpolitisches Engagement als erster Mann mit Lernschwierigkeiten erhalten hat.

Weitere Informationen zum Thema Selbstvertretung gibt’s hier.
Der Artikel erschien zuerst in den Bezirksblättern online und in der Printausgabe 23/08/17 (Bezirksblätter Salzburg).

 
 

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