Alter Filmprojektor

Filmschmankerl #5 – Dokus

 

Von Hannah Wahl und Bernhard Landkammer

Das “echte” Leben einfangen – hautnah, authentisch – ein Anspruch, der die Rezeptur für eine vermeintlich perfekte Dokumentation ergeben soll. Doch auch Non-Fiction trägt Fiction in sich und stellt eine Art der Inszenierung dar. Jede Geschichte, die erzählt wird, jedes Faktum, das vermittelt wird, ist von zahlreichen Faktoren beeinflusst. So kann einerseits ein ideologischer Kontext, der nicht bewusst transportiert werden soll, aber in all dem was wir tun mitschwingt, Einfluss nehmen. Eine Kamera, die nur durch ihre Anwesenheit die Situation verändert, oder der Schnitt, der immer auch mit Selektion verbunden ist, kann nicht neutral gewertet werden. Das soll allerdings keine Warnung vor Dokus sein, die uns kritische Aufklärung oder objektive Wissensvermittlung suggerieren und damit wertlose Zeitverschwendung darstellen. Ist man sich all dem bewusst, kann man dieses Genre richtig genießen und sich fragen: Was sagt diese Dokumentation über die Zeit, in der wir leben aus? In welchem gesellschaftspolitischen Kontext entstand dieser Film? Mit welchen Elementen wird gearbeitet, dass wir emotional so von einem Film mitgerissen werden?

 

Pumping Iron (USA, 1977)

Social Media hat im 21. Jahrhundert eine neue Welle an Körperkult hervorgebracht, der einen essentiellen Bestandteil einer neoliberal geprägten und erwünschten Selbstoptimierung darstellt. Die Konsequenz dieser Entwicklung finden sich in den  überzeichneten, skurril überformten muskulösen Körpern des Bodybuildings. Kaum ein Film führt diese Welt so stilvoll und faszinierend vor Augen wie “Pumping Iron” aus dem Jahr 1977, der Arnold Schwarzeneggers Weg zum dritten Mr.-Universe-Titel beleuchtet. Von einer homoerotischen Spannung untermalt, ignorieren die Protagonisten diese Ebene nicht nur, sondern verhöhnen diese regelrecht durch übertriebenen Machismo. Die Kamera kann hiervon allerdings nicht getäuscht werden und durchleuchtet diese Strukturen kritisch. Die Dokumentation ist ein Dokument, einer schwer zu fassenden Körperlichkeit, einer auf Narzissmus und Perfektion getrimmten Einstellung, zwischen Absurdität und beinaher schmerzhafter Ernsthaftigkeit.

Jiro Dreams Of Sushi (USA/Japan, 2011)

Essen und seine Zubereitung kann Kunst sein. Selten konnte man diese Aussage besser nachverfolgen wie in David Gelbs Dokumentation “Jiro Dreams Of Sushi”. Das Lokal von Besitzer Jiro Ono bietet lediglich Platz für zehn Gäste und befindet sich in einer U-Bahn-Station in Tokio. Die Hingabe und Leidenschaft, mit welcher der 1924 geborene Meister Sushi perfektioniert hat, brachte ihm drei Michelin-Sterne ein. In extrem hellen, scharfen Bildern fängt die Kamera die Kunst der Sushi-Zubereitung ein, folgt dem Protagonisten auf den weltgrößten Fischmarkt Tsukiji und erzählt eine Biografie des 20. Jahrhunderts. Sehr nahe und oft bewusst artifiziell gehaltene Kameraeinstellungen wechseln sich mit einer fast schon intimen Nähe ab, die einem westlichen Publikum Einblicke in die japanische Kultur bieten. Die darin betonte Disziplin und Tradition mögen befremdlich, einige Charaktereigenschaften verschroben wirken, dennoch sind alle Protagonisten sympathisch und man fühlt sich schnell mit ihnen verbunden – und hat nach dem Filmgenuss definitiv Hunger.

Searching for Sugar Man (Schweden/Großbritannien, 2012)

Es ist eine unglaubliche Geschichte, die Regisseur Malik Bendjelloul völlig zurecht den Oscar für die beste Dokumentation 2013 eingebracht hat. Sixto Rodriguez, ein US-amerikanischer Singer-Songwriter aus der Arbeiterklasse, veröffentlicht in den 1970er Jahren zwei Alben. Obwohl die Musikkritik ihn für sein ausgesprochenes Talent schätzt, bleibt sein Erfolg in den USA aus. Daraufhin arbeitet Rodriguez wie zuvor als Bauarbeiter. Was er nicht weiß: Auf einer Kassette gelangen seine Lieder zufällig nach Südafrika. Dort werden seine kritischen Lieder zum Soundtrack der Anti-Apartheid-Bewegung und Rodriguez zum Superstar. “Searching for Sugar Man” handelt von der Suche nach dem Ausnahmekünstler, der wie vom Erdboden verschluckt ist und nie von seinem Durchbruch in Südafrika erfuhr. Eine berührende Dokumentation, untermalt durch kräftiges Bildmaterial und die fabelhaften Songs von Sixto Rodriguez, die einen nicht so schnell wieder loslassen.

Die Kraft der Schwachen (Kuba/BRD 2014)

Die Dokumentation von Tobias Kriele (Regie und Produktion) und Martin Broschwitz (Kamera) erzählt die Geschichte von Jorge Jérez Beliasario aus Camagüey, einem kubanischen Aktivisten, der sich mit Nachdruck für die Freilassung der Cuban Five einsetzte. Obwohl der unpassende Titel “Die Kraft der Schwachen” auf eine stereotype Darstellung des jungen Journalisten mit Behinderungen deuten lässt, scheint beim Dreh schnell deutlich geworden zu sein: Jorgito lässt sich nicht schubladisieren – er lebt selbstbestimmt und ist selbstverständlich ein Teil der kubanischen Gesellschaft, für deren Ideale er mit viel Engagement kämpft. Obwohl die Doku für Linke mit seiner Lobeshymne auf das sozialistische Bildungs- und Gesundheitssystem wohl keine News enthält, hat der Film viel zu bieten: Eine Reise in ein romantisches Kuba und eine riesige Portion Motivation und Mut für all jene, die ihren politischen Aktivismus schon begraben hatten. Wir hängen uns einer Aussage aus dem Film an: “Ihr solltet einen anderen Titel für euren Film suchen.”