Man sieht zahlreiche aufgeschlagene Bücher nebeneinander liegen. Manche aufrecht, manche gedreht.

“Ich war gewissermaßen klassenflüchtig“ – Rezension von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“

Mit seinem 2009 im französischen Original und 2016 auf Deutsch erschienen autobiografischen Erinnerungsroman „Rückkehr nach Reims“* stellte sich Didier Eribon einer persönlichen und wissenschaftlichen Herausforderung. Dass der französische Soziologe, der bislang vor allem wegen seiner Foucault-Biographie bekannt war, damit einen Nerv getroffen hat, ist an den Verkaufszahlen bemerkbar. Im deutschsprachigen Raum erschien 2019 bereits die 19. Auflage. Doch was macht dieses Buch so besonders?

Eribons Bestseller stellt eine Liaison zwischen einer autobiografischen Aufarbeitung und einer theoretisch-wissenschaftlich inspirierten Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Prozessen dar, die den Lebensweg des Autors begleiteten. Seine Erzählung beginnt dabei in seiner Kindheit und seinem Aufwachsen im Arbeitermilieu der nordfranzösischen Kleinstadt Reims. Seine verbalisierten Erinnerungen werden dabei von analytischen Überlegungen begleitet, die den starken Einfluss, u.a. Foucaults und Bourdieus – mit beiden war er befreundet – offenbaren. So beschreibt er den Habitus des Arbeitermilieus, das laut Eribon von kommunistisch-linker, intellektueller Seite oft verklärt und romantisiert würde, als eine für ihn abstoßende Erfahrung. Dabei ist dieses Abstoßen in zweierlei Hinsicht zu verstehen: Einerseits als negative, emotionale Erinnerung, die für ihn eng mit der manifesten Homophobie des Arbeitermilieus und seiner Familie verbunden ist, und für Eribon als jungen homosexuellen Mann massive multidimensionale (biographische, politische, soziale,…) Auswirkungen hatte. Zum anderen versteht er darunter die starren sozialen Barrieren, die ebenfalls zu einer Abstoßung des Individuums durch das Milieu selbst, oder präziser, seinem Habitus führte. Eribon selbst beschreibt sich als „klassenflüchtig“:

„Denn ich war gewissermaßen klassenflüchtig, auf mehr oder weniger bewusste Weise mehr oder weniger permanent darauf bedacht, meine soziale Herkunft abzustreifen, sie von mir fernzuhalten und dem Milieu meiner Kindheit zu entfliehen.“ (S.23)

Dabei thematisiert Eribon auch das schwierige Verhältnis, das sich aus den Widersprüchen zwischen seiner persönlichen (Identitäts-)Entwicklung und den festgefahrenen Strukturen seiner Arbeiterfamilie ergab und schließlich zum Kontaktabbruch führte:

„Dieses verstörende Gefühl, an einem Ort zugleich zu Hause und fremd zu sein. Ehrlich gesagt ist mir dieser Spagat mit den Jahren so gut wie unmöglich geworden“ (S.25)

Diese zwei zentralen Muster, die tief verwurzelte Homophobie und der Habitus der Arbeiterfamilie und seines Herkunftsmilieus, ziehen sich wie ein Roter Faden durch seine Erinnerungen, die er auf insgesamt fünf Kapiteln und 240 Seiten verschriftlichte.

Historisch-politische, soziologische sowie psychologisch-psychoanalytische Ebenen einbeziehend, liefert Eribon zudem eine umfassende und anschauliche Auseinandersetzung mit einer heiß-diskutierten Frage: Wie kommt es dazu, dass eine einst traditionell-links politisierte Klasse, und damit auch Arbeiter*innen wie Eribons Mutter, sich heute zu großen Teilen für rechtspolitische bis rechtsextreme Parteien wie dem Front National und deren Inhalten entscheiden? Wie funktioniert die Verschiebung des Feindbildes von den Herrschenden und Unterdrückern hin zu „den Ausländern“?

Dabei bleiben Eribons Deutungen trotz teils wissenschaftlicher Kontextualisierung oft zu kurz gegriffen oder zumindest zu wenig argumentiert. So deutet Eribon das neue Wahlverhalten (Front National anstatt kommunistisch-linker Parteien und Kandidat*innen) als eine „Art politische Notwehr der unteren Schichten“. Spricht hier Eribons eigene Enttäuschung gegenüber der Linken? Vermutlich, handelt es sich doch um eine autobiographische Aufarbeitung, als welche sie auch gelesen werden will.

All diese umfassenden Komponenten – Reflexionen und Erinnerungen – wirken dabei als Ergebnis eines Identitätsfindungsprozesses eines linken, homosexuellen und aus dem Arbeitermilieu entstammenden Didier Eribon. Er verdeutlicht dabei, dass die beruflichen, bildungsbezogenen Wege für die Arbeiterklasse – mit kleinen individuellen Abwandlungen – bereits durch die Herkunft selbst determiniert sind und nur radikal durchbrochen werden können: „Von Geburt an tragen wir die Geschichte unserer Familie und unseres Milieus in uns, sind festgelegt durch den Platz, den sie uns zuweisen.“ (S.46) Einen solchen Bruch begann Eribon selbst, als er sich, von der Homophobie abgeurteilt, entschloss, in Paris „ein freies schwules Leben zu führen und ein ,Intellektueller‘ zu werden“ (S.223).

Didier Eribons vielschichtiges, autobiografisch und theoretisch durchzogenes Werk liefert einige Antworten, aber noch mehr Fragen. Das ist keinesfalls als Schwachstelle zu verstehen, sondern gibt Anstoß zur weiteren Auseinandersetzung mit diesen wertvollen Denkanstößen und persönlichem Erzählen. Als Autobiografie stellt es durch seine unkonventionelle Verbindung der persönlichen und wissenschaftstheoretischen Ebenen ein bereicherndes Schriftstück dar, das sich nicht nur zu lesen lohnt, sondern sich selbst als vielversprechende Quelle für Historiker*innen präsentiert.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

240 Seiten
Suhrkamp Verlag

Deutsche Erstauflage 2016

ISBN: 978-3-518-07252-3

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