Die Kinder sitzen im Kreis um das Buch.

“Zarah & Zottel und das zerbrechliche Herz” – Kindergartengeprüft

Eine wunderbar mitreißende und herzergreifende Geschichte darüber, wenn Mama plötzlich einen fremden Mann küsst.

Endlich – ein Wiedersehen mit Zarah! Den Kindern ist die quirlige Zarah noch sehr gut in Erinnerung, als sie auf der Suche nach einem Pony dem vierbeinigen Zottel begegnet. Zarah ist allen, auch denen, die zum ersten Mal Bekanntschaft mit Zarah & Zottel machen, sofort sympathisch. Sie hat so ein “nettes Lachen wie meine Oma”, erzählt ein Mädchen, und reitet “wie eine echte Indianerin”. Ihre wilde Mähne hat es ihnen besonders angetan, während ein Junge etwas besorgt die Frage in den Raum wirft: “Können sich da Tiere drinnen verfangen?”. Toll finden die Kinder auch die Prärie auf dem eigenen Hausdach, durch die sie auf ihrem Zottel reitet. Ein echtes Naturparadies, auch für die drei gut getarnten Hasen, die es sich in der Wiese gemütlich gemacht haben und, dank der Adleraugen der Kinder, prompt auffliegen. Auch Zarahs Idee, den urbanen Hinterhof durch das Aussäen einer Packung Wildblumen zu verschönern, finden alle klasse. 

Und dann, auf der vierten Doppelseite, ist nur noch der Blumenstrauß, den Zarah Mama ans Bett bringt, bunt – alles andere ist in ein weiches Blau getaucht. Wir merken sofort, irgendwas stimmt mit Zarahs Mama ganz und gar nicht: “Ist die etwa krank?” Sie heult den ganzen Tag, geht nicht zur Arbeit und isst Schokolade, aber so richtig krank ist sie nicht. Dann erfahren wir, dass Mamas Herz gebrochen ist: “Mamas Herz ist sehr zerbrechlich, seit Papa weggegangen ist. Dauernd bricht es auseinander. Und dann ist auch Zarah immer wieder zum Heulen zumute. Und Zottel auch.” Wie Zarah überlegen auch die Kinder, wie man Mama helfen kann und fiebern auf jeder Seite mit: “Hoffentlich hilft der Heiltee!”, den Zarah ihr einflößt.
Durchatmen – Zarahs Mama geht es wieder besser, sie sieht sogar wieder ziemlich schick und erholt aus. Eines Nachts, wacht die kleine Abenteurerin auf, im Treppenhaus hört sie zwei Stimmen: “Der Papa sagt etwas, und die Mama kichert.” Als sie durch den Türspalt späht, wird Zarah plötzlich hochrot und stinkig. Es ist gar nicht der Papa, der Mama da innig küsst, sondern ein fremder Mann! Die Kindergartenkinder sind entsetzt: “Vielleicht hat die Mama ihn verwechselt?” Wie sich herausstellt, gab es keine Verwechselung und Mama erzählt, wie toll der “falsche Papa” sei. Gegen die Schwärmereien ist Zarah immun, den “falschen Papa” hat sie schon als Bedrohung abgestempelt. Entschlossen trommelt Zarah ihre fünf Freunde zusammen und gemeinsam schmieden sie einen Plan. Sie wollen dem “falschen Papa” so viel Angst einjagen, dass er sich nie wieder hertraut. “Heute Nacht schleicht sich jeder wieder aus seinem Bett. Dann legen wir uns auf die Lauer und beschützen meine Mama vor dem falschen Papa!”, verkündet Zarah entschlossen. Den Kindergartenkindern kommen sofort viele Ideen in den Sinn, wie man ihn außer Gefecht setzen kann: “Dem stell ich die Beine, damit er stolpert, und dann lauf ich schnell davon!” oder “Man muss Marmelade aufn Boden ausleeren, damit er ausrutscht!”

Achtung Spoiler

Der von Zarah einberufene Kriegsrat hat es den Kindern angetan. Da sitzt Zarah vor ihrem Tipi, wie ein kleiner Häuptling, die Hände in die Hüften gestemmt. Ihr Blick sagt mehr als tausend Worte: “Leg dich nicht mit mir an!”. Ein Kind ist sich sicher, dass Zarah dabei “knurrt wie ein wilder Bär”. Zarahs Freund “Beule” ragt eine dicke Beule aus seinem blonden Haarkranz hervor, weshalb die Kinder ihm sofort waghalsigen Heldenmut diagnostizieren. Rosalie hingegen trägt “coole” Feenflügel und von Zarahs treuem Wegbegleiter Zottel sind sowieso alle überzeugt. Super finden die Kindergartenkinder, dass auch ein Hühnchen mit am Start ist, “das ist sicher ein Freund von Zottel” – eh klar, in der Tierwelt kennt man sich schließlich. In der Nacht liegen Zarah und ihre Freunde auf der Lauer, alle sind verkleidet, mit Vampirzähnen, Zauberhut, einer gruseligen Kürbismaske, einem Wolfspelzumhang und Zarah natürlich als Häuptling. Ein Kind stößt ein “Boah” hervor und deutet auf Hühnchen, das sich tot stellt und in einer furchteinflößenden Blutlache aus Erdbeermarmelade liegt. Während die Doppelseite vorgelesen wird, steigt bei den Kindergartenkindern die Spannung, kaum einer kann sich noch ruhig halten. Gemeinsam mit Zarah warten wir auf den “falschen Papa”.
Dann gehts los, alle mampfen Kirschen, lutschen und dann wird der fremde Mann gnadenlos mit Kirschkernen bespuckt. Die Kindergartenkinder fangen vor Freude an zu Brüllen und machen die beschriebenen Geräusche nach, von Mitleid kann keine Rede sein: “Fluff, Fluff, Fluff, Fluff” und “Auauauauauuu”. Nach der Attacke fesseln Zarah und ihre Freunde das Opfer an den Baum und stellen ihn zur Rede. Als er behauptet, er könnte gebrochene Herzen heilen, werden Zarah und ihre Freunde, aber auch wir im Kindergarten hellhörig. Ist der “falsche Papa vielleicht keine Gefahr, sondern sogar die Rettung für Zarahs Mama?”

Fazit

Mama, Papa, Kind(er) – die klassische Familienkonstellation. Trotzdem wissen die Kinder, manchmal ist der Freund von Mama nicht der echte Papa. Oftmals bleibt dann das Gefühlschaos bei Kindern nicht aus. Eifersucht, Wut und Unbehagen machen es oft nicht leicht, die Familienexpansion zu akzeptieren, auch nicht, wenn der Neue nett ist. Immerhin gibt es ja noch den “richtigen Papa”. Auf detailreichen, wunderschön gestalteten 64 Seiten hat Jan Birck ein herausragendes Kinderbuch rund um ein schwieriges Thema geschaffen, mit dem viele Kinder, sei es durch die eigene Familie oder durch die Familie von Freund*innen, konfrontiert werden. Der Themenkomplex wirkt dabei nicht aufdringlich erklärend, sondern durch seine reine Präsenz. Das merkt man auch, denn für die Kindergartenkinder steht vor allem eines im Mittelpunkt: Ein neues lustiges und mitreißendes Abenteuer mit der lebhaften Abenteurerin. Selbst die jüngsten Kinder haben bis zum Schluss durchgehalten und fragen, wann ein neues Zarah-&-Zottel-Buch aus der Druckerei kommt. Eine absolute würdige Fortsetzung, wie wir finden! 

Buchcover: Zarah reitet auf ihrem Zottel
© Sauerländer

Jan Birck
Zarah & Zottel und das zerbrechliche Herz
Verlag Fischer Sauerländer
ISBN 978-3-7373-5573-5